Kaum ein Restaurant in Österreich wird so konsequent mit Superlativen bedacht wie das Steirereck. Heinz und Birgit Reitbauer führen ihr Haus mit einer Präzision und Souveränität, die an die Disziplin eines Orchesters erinnert – jeder Ton sitzt, jeder Einsatz ist wohlüberlegt. Das beginnt beim Bauernbrot, von der Chefin selbst gebacken, und beim legendären Blunzenbrot, das schon zu Beginn die Handschrift der Küche verrät: tief verwurzelt in Österreich, kräftig und fast trotzig, aber mit offenem Blick über die Grenzen hinaus. Die kleinen Auftakte überzeugen in ihrer Vielfalt: Salzschnee aus den Karpaten, knusprige Hühnerhaut à la Risibisi, Shiso-Tartelette mit Sungold-Paradeisern weisen gleich zu Anfang darauf hin, das hier nicht nur gekocht, sondern auch erzählt wird. Die Shiso-Tartelette ist ein Bissen der Vorfreude auf den weiteren Verlauf des Menüs. Etwas ratlos lässt uns die Kombination von Pfirsich und Melone im Verbenesud zurück: am Stöckerl präsentiert, aber geschmacklich fast banal. Die Vorspeisen beeindrucken durch filigrane Aromatik: Eine Sonnenblume, zerlegt in Blütenboden, Stiele und Kerne, arrangiert mit Eierschwammerln, Paradeisern und Feldgurke, wirkt wie ein Stillleben, das plötzlich atmet. Hier spürt man, wie die Küche das Gemüse zum Star erhebt – ein mutiger, souveräner Ansatz. Und dann der Aal. Ein Außenseiter in der Haute Cuisine, hier jedoch erhoben zum Protagonisten. Mit Frühkraut, Maiwipferl und Pfefferoni serviert, zeigt er, was das Steirereck vermag: aus vermeintlich schlichten Zutaten ein Gedicht zu formen. Kein Spektakel, keine Pose – nur eine stille Verneigung vor dem Produkt. Nicht jeder Gang erreicht diese Höhe. Der Waller mit Fisolen, Powidl und Zitronen-Bohnenkraut gerät aus dem Gleichgewicht. Zu weiche Fisolen, zu lauter Powidl, eine Sauce ohne Stimme – ein Moment, in dem die Harmonie kurz ins Wanken gerät. Dennoch – am Ende bleibt der Eindruck einer Küche, die Maßstäbe setzt. Kaum ein anderes Haus versteht es so gut, Regionalität, Präzision und Innovationskraft zu verbinden. Das Steirereck behauptet seine 19 Punkte und fünf Hauben mit Selbstverständlichkeit – und zeigt, dass selbst Perfektion Raum für kleine Bruchkanten lässt. Vielleicht sind es gerade diese, die das Erlebnis noch menschlicher machen.