26.01.2026
Die Villa Trier beherbergt heute Museum und Spitzenkulinarik. Es steht damit stellvertretend für die Tugenden des Arlbergs.

„Das war ein richtiges Geisterhaus“, erinnert sich Tourismusdirektor Martin Ebster an seine Jugend. Das architektonische Juwel hat eine wechselhafte Geschichte mit vielen dramatischen Ereignissen hinter sich. Die heutige Villa wurde vom deutschen Möbelfabrikanten Carl Wilhelm von Trier im Jahr 1911 errichtet. Begünstigt durch die Lage am jungen Eisenbahntunnel (Eröffnung 1884) erlebte St. Anton eine erste Blüte im Alpintourismus, der damals noch hauptsächlich im Sommer stattfand. Mit der Eisenbahn kamen die ersten internationalen Gäste, insbesondere wohlhabende Brit:innen halten dem Arlberg seither die Treue. Die Bäuer:innen der Umgebung staunten nicht schlecht, als im Jahr 1897 drei Tennisplätze errichtet wurden.
Auch von Trier entdeckte St. Anton als Rückzugsort für sich und errichtete die Villa als privaten Wohnsitz. Entsprechend detailverliebt wurde der Bau umgesetzt: Jedes Zimmer ist individuell gestaltet, jeder Türstock, jede Decke hat ein anderes Muster. Die damals mit Holzkohle befeuerte Zentralheizung ist vom Prinzip her noch voll funktionstüchtig. Von Trier konnte sich nicht lange an seiner Villa erfreuen, denn er starb als Offizier im Ersten Weltkrieg.
Martin Ebster führt durch das Museum und erzählt von der wechselhaften Geschichte des Hauses. Wiederholt kam es zu unerwarteten Todesfällen, weshalb man im Ort hinter vorgehaltener Hand von einem Fluch munkelte. In den 1960er-Jahren stand es leer, und Jugendliche, wie damals auch Martin Ebster, schlichen als Mutprobe durch die verlassenen Räumlichkeiten. Im Jahr 1972 wurde die Villa Trier von der Gemeinde und vom Tourismusverband gekauft und liebevoll renoviert. Heute ist sie eine einzigartige Villa im Chalet-Stil, die nicht nur das beschauliche Museum, sondern auch ein hervorragendes Restaurant beherbergt.




Schon allein das Ambiente der über 100 Jahre alten Villa ist einzigartig. Während man im gesamten Alpenraum historische Stuben nachbaut, sitzt man hier im Original. Die Küche ist hochkarätig, das Team arbeitet bevorzugt mit regionalen Zutaten und bietet eine schöne Weinauswahl. Wir hatten eine wunderbar kräftige Ochsenschwanz-Consommé und einen Lammrücken mit Kräuterkruste, den man fast nicht besser machen kann. Auch die Patisserie schloss sich dem hohen Niveau an und kredenzte ein herrliches Pralinen-Nougat-Parfait sowie eine erfrischende Tiramisu-Variation. Der Service war aufmerksam und herzlich, weshalb wir uns von der Begrüßung bis zum Dessert ausgesprochen wohlfühlten.
Vor oder nach dem Essen kann man eine Runde durch das Museum in der ersten Etage drehen. Die Themen sind nachvollziehbar dargestellt, aber so richtig lebendig wird es erst mit einer Führung von Lokalmatadoren wie Martin Ebster oder seinem Kollegen Yannick Rumler. Letzterer hat uns schon am Vorabend beeindruckt, als er bei der wöchentlichen Ski-Show mit 100 Jahre alten Holzskiern die eisige Piste hinuntergekurvt ist. Die Dauerausstellung widmet sich der Geschichte von St. Anton und dem Arlberg, von der wir hier Meilensteine und Anekdoten weitererzählen möchten.
Heinrich Findelkind hat im Jahr 1386 die Bruderschaft St. Christoph mit einer Herberge gegründet, um in Not geratenen Reisenden am Pass zu helfen. Die Arlberger:innen nennen sie die erste Bergrettung Österreichs. Aus diesem Hospiz wurde später das weltberühmte Hotel Hospiz, das für Pilger (der Jakobsweg führt über den Arlbergpass) bis zuletzt trotz allem Luxus der Tradition verpflichtet günstige Quartiere zur Verfügung stellte. Im Moment steht es leider leer, es kursieren aber Gerüchte über immense Investitionen und große Pläne. Die Bruderschaft besteht bis heute, hat Tausende, zum Teil sehr prominente, Mitglieder und hilft immer noch notleidenden Menschen der Region.
Einer der frühesten Profiteure dieser hochalpinen Schutzhütte war Johannes XXIII., der als Gegenpapst in die Geschichte einging. Beim Konzil von Konstanz 1415 wurde seine Abberufung gefordert, weshalb er überstürzt über den Arlbergpass flüchtete. Bei winterlichen Verhältnissen im März soll sein Pferd gestürzt sein, und der Papst habe sich den Chroniken zufolge schwer verletzt. Seine Flucht ging dadurch nur langsam weiter, weshalb er schließlich eingeholt und festgenommen wurde. Ein anderer Papst hat am Arlberg permanent Quartier bezogen, nämlich Papst Clément. Dieser wurde im Jahr 1305 gewählt, und sein Bordeaux-Weingut trägt bis heute seinen Namen. Château Pape Clément ist fixer Bestandteil der legendären Großflaschensammlung in der Hospiz Alm. Seniorchef Adi Werner hat mit seinem Weinkeller im Luftschutzbunker eine Kultstätte für Weinliebhaber:innen geschaffen. Aktuell lagern laut Website rund 7.000 Großflaschen von Magnum (1,5 Liter) bis Primat (27 Liter) von den angesehensten Châteaus der Welt in der Hospiz Alm. Dass es sich dabei um keine Museumsstücke handelt, sieht man jeden Tag beim regen Konsum im Restaurant, das aktuell mit drei Hauben bewertet ist.




Schon im Jahr 1901 wurde der Skiclub Arlberg gegründet. Am 3. Jänner 2026 wurde sein 125. Geburtstag gefeiert. Heute zählt er über 9.000 Mitglieder aus 63 Nationen und ist neben der Eisenbahn Hauptgrund, warum der Arlberg seit jeher internationales Publikum anzieht. Besonders stolz sind die St. Antoner:innen auf ihre erfolgreichen Skirennläufer:innen. Insgesamt wurden sagenhafte 119 Medaillen bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen erobert (Stand Jänner 2026). Namen wie Gertrud Gabl, Karl Schranz, Patrick Ortlieb oder auch Mario Matt werden ewig in Erinnerung bleiben. Persönlichkeiten wie ihnen ist der Run of Fame gewidmet, eine Skirunde über den gesamten Arlberg, vom Rendl bis Warth. Einer der Pioniere des Skisports war Hannes Schneider: als Skirennläufer, Filmstar („Der Weiße Rausch“, 1931) und vor allem als Skilehrer revolutionierte er die Technik des Skifahrens.
Zu den absoluten Meilensteinen in der Geschichte St. Antons gehört die Ski-Weltmeisterschaft im Jahr 2001, bei der die heimischen Athlet:innen sagenhafte elf Medaillen eroberten. Für die Veranstalter:innen wurde ein Traum wahr, als Lokalmatador Mario Matt vor rund 60.000 begeisterten Zuschauer:innen die Goldmedaille im Slalom gewann. Um die Erfolgsgeschichte fortzuschreiben, hat sich St. Anton um die Austragung der Ski-WM 2033 beworben.
Weltmeisterlich ist aber nicht nur der Skisport, auch die Haubendichte ist am Arlberg rekordverdächtig. Allein die Restaurants in St. Anton sind mit 19 Hauben ausgezeichnet:
Die Tendenz ist steigend. Mit Spitzenkoch Gustav Jantscher im Restaurant Arlicious im Hotel ArlOne und dem wunderbaren Museum-Restaurant St. Anton gibt es vielversprechende Kandidaten für weitere Hauben. Es muss aber nicht immer Fine Dining sein, der Arlberg ist reich an großartigen Hütten. Einige davon arbeiten überwiegend mit regionalen Zutaten, wie beispielsweise die Sennhütte, wo es auch eine große Auswahl an selbstgemachten Schnäpsen gibt. Ein Meisterstück ist der Arlengeist, ein Destillat aus Zapfen von Latschenkiefern, die lokal Arlen genannt werden. Von ihnen hat der Arlberg seinen Namen.
von Bernhard Degen
(Anm.: die Recherche erfolgte auf Einladung zu einer Ski-Pressereise)












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