31.03.2026
Ein Interview über Butter-Skulpturen, Nudelsalat von der Oma, Herausforderungen der Selbstständigkeit und ein „freches, künstlerisches Kochbuch“.

Eine junge Frau im rosa Pyjama schreitet durch das herrschaftliche Stiegenhaus eines alten Schlosses, auf der Schulter balanciert sie eine überlebensgroße Gabel. Wenig später sitzt sie vor einem riesigen Vanillekipferl und bestreut es mit Zucker. In einer anderen Szene steht sie im Ballkleid in einem leeren, mit Lametta geschmückten Turnsaal; über ihr sieht man eine Disco-Tomate im Basketballkorb, davor eine gedeckte Tafel mit imposanter Baiser-Torte, einer glänzenden Skulptur aus Besteck und mit Perlen verzierten Birnen.
Auszüge aus Hannah Kleebergs Foodblog „Herrlich Dining“ eröffnen eine Welt, in der spielerische Fantasie regiert und Kalorien keinen Wert haben. Die Wahl-Berlinerin ist Meisterin darin, Essen in Szene zu setzen und ihm jene kindliche Freiheit zurückzugeben, die vielen schon verloren gegangen ist. Kleeberg macht Baguette zu Kleiderhaken, Butter zu Schachfiguren und serviert Spaghetti Polpette auf der Luftmatratze. Nun hat die Food-Stylistin ihre Gedanken zum gedeckten Tisch und zum Gastgeben erstmals in einem Buch festgehalten. Auf 256 Seiten findet man nicht nur Rezepte, sondern auch Essays und Tipps, wie es gelingt, in stressigen Momenten als Gastgeber:in gelassen zu bleiben. Gault&Millau hat mit ihr über „Herrlich Hosting“ und ihren Weg dorthin gesprochen.
Ich habe schon als Jugendliche viel gekocht. In einer klassischen Kochausbildung habe ich mich dennoch nicht so richtig gesehen. Deshalb habe ich angefangen, Politikwissenschaften zu studieren. Damit war ich aber ganz unglücklich. Parallel habe ich weiter viel für meine WG und Freund:innen gekocht. Irgendwann hatte ich einen richtigen Tiefpunkt, Herzschmerz und das Studium abgebrochen. Zu dieser Zeit jobbte ich in der Gastronomie. Da habe ich entschieden, meine Rezepte ins Internet zu stellen. Das war 2022. Seitdem ist extrem viel passiert. Ich habe manchmal das Gefühl, ich komme selbst kaum hinterher und bin gefühlt noch am Anfang des Erwachsenwerdens.
Ich hatte schon immer ein Problem mit Orten, die Exklusivität ausstrahlen. Deshalb wollte ich bewusst einen Ort schaffen, der das Gegenteil ist, wo Freude und Leichtigkeit vorherrschen. Bei Herrlich ist es uns am wichtigsten, dass sich alle willkommen fühlen. Ein Tisch ist für mich ein wunderschöner Ort des Zusammenkommens, der Emotionen fast ohne Worte und Sprache transportieren kann. Deswegen empfinde ich es als sehr heilend, für meine Freund:innen den Tisch zu decken und zusammen zu essen.
Das klingt immer so prätentiös, aber ich arbeite viel mit meinen Träumen. Mein Lieblingskünstler ist René Magritte, der hat immer sehr viel aus dem Unterbewussten gezogen. Ich finde es spannend, mit so einer surrealistischen Symbolik zu arbeiten. Deshalb greifen mein Team und ich oft Sachen aus dem Alltag auf, verändern sie, blasen sie auf auf oder inszenieren sie in ungewohnten Materialien, zum Beispiel aus Essen. Dieser kindliche Wunsch nach Leichtigkeit ist meine größte Inspiration. Ich glaube außerdem an den Gedanken von Marie Antoinette: „There is nothing new except what has been forgotten.“ Deshalb kann man viel aus der Kreativität vergangener Epochen ziehen und in die jetzige Welt übertragen.

Oh, es gibt viele. Ich liebe unseren Kurzfilm, den wir im Winter 2024 gemacht haben. Da haben wir die Filme „Kevin allein zu Haus“ und „Alice im Wunderland“ zusammengemischt und einen komplett analogen Kunstfilm gedreht, mit riesigen Essenselementen, der Freude an Kalorien und Essen, egal wie ungesund es ist. Entgegen jeder Diätkultur. Ein anderes Mal durften wir im ICC, einem eigentlich geschlossenen Gebäude, ein Pop-Up machen und das Restaurant wieder zum Leben erwecken. Und dann natürlich auch das Kochbuch, weil so viele kreative Menschen daran gearbeitet haben.
Meine erste Berührung mit Essen war eigentlich ein Kochbuch. Bei meinen Eltern waren das die Bücher, die ich als Kind am ehesten in die Hand genommen habe, weil sie ganz unten im Regal einsortiert waren. Ich habe damit gespielt und sie durchgeblättert. Dieses Gefühl einer Sammlung von Ideen fand ich total schön. Ich wollte aber nie ein klassisches Kochbuch machen, weil ich sie oft als etwas veraltet empfunden habe, besonders diese stereotype Darstellung von Frauen in der Küche. Deshalb wollte ich ein freches, künstlerisches Kochbuch machen, das auch Elemente von Fashion-Editorials enthält.
Das Einzige, was wirklich feststand, war, dass ich in Schottland beginnen wollte, weil meine Eltern dort ihre Flitterwochen hatten und sie mir immer schon von den Frühstück-Buffets in den Highlands erzählt hatten. Die weiteren Kapitel ergaben sich aus der Überlegung, in welchen Ländern wir welches Theaterstück erzählen wollen. Für Griechenland hatten wir zum Beispiel den Film „Mamma Mia“ im Kopf. In Albanien wollten wir das Gefühl von Jugend, von gerade 18, wieder aufleben lassen und zeigen, dass man auch auf einer Luftmatratze hosten kann. Den Abschluss bildet NRW, weil ich dort aufgewachsen bin. Da steht das Geühl im Mittelpunkt, dass alle willkommen sind. So entstand auch der Untertitel „Anyone, Anytime, Anywhere“.

Es gibt zwei Dinge, die ich immer wichtig finde: Nehmt euch eine klare Ästhetik und treibt sie auf die Spitze. Zum Beispiel macht es total viel Spaß, eine Sommerparty mit Tomatengerichten zu inszenieren, mit einer roten Tischdecke und Tomaten dann auch direkt als Deko zu benutzen. Das andere ist, dass es genauso wichtig ist, selbst entspannt und selbstironisch zu bleiben. Das überträgt sich auf die Gäste. Ich habe mir angewöhnt, dass es egal ist, wenn etwas schiefgeht oder nicht perfekt ist. Gelassenheit bewusst zu üben und zur Priorität zu machen, ist dabei entscheidend.
Ich bin ein Ultra von Therapie. Ich erzähle immer allen Leuten, wie wichtig es ist, ernst zu nehmen, dass man unter Sachen leidet, dass Dinge im Berufsalltag schwierig sein können und dass es Hilfe gibt, die man in Anspruch nehmen kann. Das ist so wichtig. Was ich in letzter Zeit auch gelernt habe, ist, dass man schlecht in seinem Job wird, wenn man den Spaß verliert. Deshalb versuche ich, Dinge nicht zu ernst zu nehmen.
Ich möchte unbedingt nochmal eine Gastronomie eröffnen. Das hat mir wahnsinnig Spaß gemacht. Aktuell möchte ich aber noch die Freiheit genießen, nicht an einen Ort gebunden zu sein. Was jetzt ansteht, ist ein eigenes Kochformat. Vor die Kamera treten, Rezepte zeigen und Hosting in ein Videoformat bringen. Das wird der nächste Schritt für uns sein.
Es sind ganz einfache, bodenständige Rezepte. Es gibt Essen, das mich an meine Herkunft in NRW erinnert und bis heute für mich unersetzbar ist. Wie der Nudelsalat meiner Oma. Den habe ich früher immer heimlich in Tupperdosen abgefüllt, um ihn am nächsten Morgen zum Frühstück zu essen.
Es wird super schwierig und man muss durchhalten. Ich glaube, es wäre naiv zu denken, dass es leicht ist, sich in diesem Bereich durchzusetzen. Genauso wichtig ist, sich ein Netzwerk aus starken Frauen aufzubauen. Ich profitiere heute enorm davon, dass ich so großartige Frauen kenne, die Lust haben, mit einem zu arbeiten und einen zu unterstützen.
„Herrlich Hosting“ gibt es im gut sortierten Buchhandel und direkt beim Gestalten Verlag für 45 Euro.
Interview von Derya Metzler

© Finn Dubbeld

© Finn Dubbeld

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