15.01.2026

Wein unter dem Halbmond

Zwischen Istanbul und Mersin regt sich ein alter Geist: Die Türkei besinnt sich auf ihre tief verwurzelte Weinkultur.

Olus Enguzel in ihren Weinbergen in der Nähe von Kayseri
Olus Enguzel in ihren Weinbergen in der Nähe von Kayseri © Olus Enguzel

Für die köstlichen Kleingerichte ist 4-Haubenkoch Maksut Askar verantwortlich. Das Organisatorische erledigt Erim Leb. Um das Weinangebot kümmert sich Levon Bağış, der nicht nur der bekannteste Sommelier des Landes ist, sondern sich auch aktiv um die Erhaltung seltener autochthoner Rebsorten engagiert. Ein Besuch im lässigen Foxy Nişantaşi im Istanbuler Stadtteil Şişli bietet auch erfahrenen Vinophilen jede Menge Überraschungen. Die Stimmung ist stets ausgelassen, doch die Mission, die hinter dem sympathischen Istanbuler Weinbistro steht, ist durchaus ernsthaft: Es geht um die Bewahrung einer uralten Weinkultur, die zu verschwinden droht.

Das osmanische Reich war anderen Religionen gegenüber traditionell sehr tolerant. Christen und Juden war der Weinbau und das Bierbrauen genauso erlaubt, wie der Konsum. Mit der grausamen Vertreibung der griechischen und armenischen Bevölkerung während der Republikgründung der Türkei verschwand der Großteil dieser Weinkultur. Weil das laizistische Regime aber kein prinzipielles Problem mit dem Alkoholkonsum hatte, erfolgte die Weinproduktion bis in die 1990er Jahre durch staatliche Monopol-Betriebe wie Doluca oder Kavaklidere.

Das liberale Klima hat sich unter dem aktuellen türkischen Präsident Recep Tayip Erdogan, der traditionell-religiöse Werte fördern will, geändert. Allerdings beschränkt sich sein Kampf gegen den Alkoholkonsum auf relativ hohe Steuern und Werbeverbote. Im alltäglichen Leben von Istanbul spielt Wein ohnehin keine Rolle. Wenn tagsüber Alkohol getrunken wird, dann ist es zumeist Efes Bier aus der Flasche, manchmal aus der Dose, fast nie vom Fass. Auch in den meisten Lokantasi – das sind einfache Lokale, in denen man tagsüber eine Vielzahl an mitunter ganz ausgezeichneter Traditionsgerichte für wenig Geld bekommt – herrscht Alkoholverbot. Zum Essen trinkt man Tee, Wasser, Ayran oder Softdrinks wie Coca-Cola. Wenn man am Abend in ein feines Restaurant geht, gehört Wein jedoch selbstverständlich dazu.

Pioniere im ganzen Land

Trotz der schwierigen Rahmenbedingungen und der relativ geringen Inlandsnachfrage – der durchschnittliche Weinkonsum beträgt in der Türkei pro Kopf gerade einmal ein Liter pro Jahr – haben in den letzten 30 Jahren im ganzen Land Pioniere damit begonnen, hochqualitative Weine, oft auch im biologischen Anbau, zu produzieren. Es wird zwar auch mit internationalen Sorten experimentiert, zumeist liegt der Fokus aber auf der Pflege der Vielzahl der autochthonen Rebsorten.

Levon Bağış vom Weinbistro Foxy hat das Yaban Kolektif mitbegründet, das Kleinstproduzenten dabei hilft, ihre alten Rebstöcke zu erhalten, indem sie bei der Vinifizierung und dem Verkauf in der Gastronomie unterstützt. Einen ähnlichen Weg geht man mit Heritage Vines of Turkey. Es gibt aber auch spannende Neugründungen, wie etwa Vinolus, wo in Kapadokia biodynamisch gearbeitet wird. Am neuen Istanbuler Flughafen findet man im Duty Free außerdem eine Vielzahl an edel aufgemachten Flaschen. Şerefe!

Galerie

© Foxy Nişantaşi

© Istanbul Airport

© Foxy Nişantaşi

Unser Lesetipp: 

„Turkish Wine, a Heritage reborn“ erzählt die faszinierende Geschichte der Wiedergeburt des türkischen Weins – von den antiken Ursprüngen bis zur modernen Marke Vinolus. Es ist ein Werk über kulturelle Identität, Leidenschaft und die Kraft der Tradition, neu interpretiert für die Gegenwart. Erhältlich unter wieser-verlag.com/buecher/turkish-wine.


von Wolfgang Schedelberger 

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