04.02.2026
Er war nicht nur einer der visionärsten Weinjournalisten Österreichs, er war auch einer der freundlichsten.

Ich war hochgradig nervös, als ich zu meiner ersten relevanten Weinverkostung ging. Anfang der 2000er, viel Wein-Leidenschaft, wenig Tiefgang meinerseits. Ich wurde rundum freundlich begrüßt, fühlte mich aber dennoch ein wenig fehl am Platz. Mein Sitznachbar bei der von der Wagramer Selektion straff organisierten Blindverkostung war Viktor Siegl. Einen besseren Begleiter in einer derartigen Situation konnte man sich nicht wünschen. Er gab ein paar freundliche Hinweise, nahm mir die Nervosität und ließ in keiner Sekunde erkennen, welche Welten uns erfahrungstechnisch trennten. Wie ich heute weiß, hat er schon vor dem Weinskandal im Jahr 1985 fundierte Weinbeschreibungen und -bewertungen abgeliefert. Er gehört zu den Gründungsmitgliedern von Vinaria.
Viktor Siegl gilt als einer der Entdecker und Förderer der heutigen Ikonen in der Wachau. Zu einer Zeit in den frühen 1980ern, als sie noch einfache Weinbäuer:innen waren. Der hauptberufliche Jurist widmete sich in seiner Freizeit der Weinkultur in all ihren Facetten und war in seinen Einschätzungen stets vielmehr Unterstützer als Mainstream-Berichterstatter. Seine Beschreibungen waren immer präzise, empathisch und unverwechselbar. Seine Kritikpunkte waren diplomatisch vorgebracht und progressiv, niemals vernichtend. Seine Texte wurden sowohl in der Winzer:innenszene als auch im Weinjournalismus respektiert und geschätzt.
Solange ich Weinverkostungen kenne, kenne ich auch Viktor Siegl. Ich habe mich über die Jahre immer gefreut, wenn ich neben ihm zu sitzen gekommen bin. Nicht nur wegen seines freundlichen Gemüts und seiner beneidenswert positiven Grundeinstellung. Wegbegleiter:innen wissen, nicht alle Kolleg:innen waren dem Nachwuchs gegenüber so wohlwollend. Danke Viktor!
von Bernhard Degen












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